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22
Nov
2013

Offener, sozialer, anpassungsfähiger, klarer: Die BU der Zukunft.

Kategorie: Berufsunfähigkeitsversicherung, Verbraucherschutz  ·  Autor: Matthias Helberg  ·  2 Kommentare

Was können, was müssen wir an der Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) ändern, damit sie ihre gesellschaftliche Aufgabe erfüllen kann, möglichst vielen Menschen zuverlässig die Absicherung ihrer Arbeitskraft zu ermöglichen? Das gesetzliche Sozialsystem schafft es derzeit schließlich nicht. Ein Diskussionsbeitrag im Rahmen der Blogparade zur #WunschBU.

 

Die richtige BU – eine Frage des Glücks?

Die BU der Zukunft: Offener, sozialer, flexibler, klarer.Vorab: Auch jetzt funktioniert es durchaus, sich mittels einer Berufsunfähigkeitsversicherung so abzusichern, dass sie ihren Sinn erfüllt. Nur müssen dafür viele Komponenten zusammen kommen: Wer sich passend versichern will, braucht zunächst einmal die richtigen Informationen (für den Laien schwierig einschätzbar). Zusätzlich eine Gesundheitshistorie, die versicherbar ist (kann man sich nicht aussuchen). Einen Beruf, der einerseits ein ausreichendes Einkommen einbringt und andererseits zu bezahlbaren Prämien versicherbar ist (wird anscheinend immer schwieriger). Und im Leistungsfall braucht man möglichst professionelle Hilfe (die man finden und früh genug einschalten muss). Damit das alles zusammen kommt, ist anscheinend schon einiges an Glück erforderlich.

Was muss an der privaten Berufsunfähigkeitsversicherung zukünftig geändert werden, damit ihr zuverlässiges Funktionieren für Verbraucher nicht abhängig von Glück oder Pech ist? Ich meine: So einiges.

 

Die BU der Zukunft: Offener

Zu Vielen, die sich heute richtigerweise gegen den Verlust ihrer Arbeitskraft absichern wollen, bleibt der Versicherungsschutz wegen ihrer Gesundheitshistorie verwehrt. Sie gelten als nicht versicherbar. Gar nicht einmal, weil der BU-Fall unmittelbar bevorsteht, sondern weil die Eintrittswahrscheinlichkeit dem Versicherer zu hoch erscheint.

Weitaus mehr Versicherungswillige sollen mit mehr oder weniger großen Lücken im Versicherungsschutz leben: Durch Ausschluss bestimmter Vorerkrankungen, oder gar durch das Ausweichen auf andere Versicherungsarten, die nur einen relativ kleinen Teil der Ursachen oder Folgen gesundheitlicher Beeinträchtigungen absichern.

Bei manch einem Versicherer mag der Laie gar den Eindruck gewinnen, er wolle bei der Gesundheitsprüfung unbedingt ein ‚Haar in der Suppe‘ des potentiellen Kunden finden – und verzichtet schon aus solchem Grunde auf einen Vertragsschluss.

Wie schwierig derzeit allein die richtige Beantwortung der Fragen in einem BU-Antrag ist und welche verheerenden Folgen hier Fehler haben können, darauf können wir alle gar nicht oft und klar genug hinweisen.

Dabei ist die Rechtslage schon heute so, dass ein BU-Versicherer nach zehn Jahren einen Vertrag selbst dann nicht mehr anfechten (also loswerden) kann, wenn der Kunde gar absichtlich falsche Angaben im Antrag gemacht hat.

Liebe BU-Versicherer: Warum macht Ihr aus der Not eigentlich keine Tugend?

Ein BU-Antrag komplett ohne Gesundheitsfragen – aber mit 10 Jahren Wartezeit, außer wenn die BU durch einen Unfall verursacht wird: Wie vielen (insbesondere) jungen Leuten eröffnete das die unkomplizierte Chance auf eine Absicherung? Ohne schlechtes Gewissen, ohne Angst, dafür Hoffnungs-spendend. Mit zusätzlichen & sicheren Beitragseinnahmen für die Versicherer und der Chance auf deutlich größere Kollektive. Und mit klarer Ansage an die Versicherten: Achte auf Dich, tue etwas für Deine Gesundheit, den Versicherungsschutz musst Du Dir erst noch ‚ansparen‘.

Und warum sollte man potentiellen Kunden nicht gleich die Wahl lassen, welchen Weg sie bei Antragsstellung gehen wollen?

  • Mit ‚normaler‘ Gesundheitsprüfung und ohne Wartezeit; oder
  • Mit vereinfachter Gesundheitsprüfung, um lediglich die akut drohenden Fälle auszuschließen, analog der derzeitigen BU-Aktionen mit vereinfachter Gesundheitsprüfung. Eventuell in Höhe und Ausbauoptionen beschränkt, oder mit 5 Jahren Wartezeit (außer bei BU durch Unfall); oder
  • Ganz ohne Gesundheitsprüfung und mit 10 Jahren Wartezeit (außer bei BU durch Unfall).

Die BU der Zukunft soll und muss viel mehr Personen offen stehen. Eine deutlich einfachere Gesundheitsprüfung bei Antragsstellung mit optionalen Wartezeiten ist ein Schlüssel dazu.

 

Die BU der Zukunft: Sozialer

Der Trend der letzten Jahre, (vielleicht sogar vermeintlich) risikoärmere Berufe immer billiger in immer mehr differenzierende Berufsgruppen einzustufen, geht klar auf Kosten vieler anderer Berufe, für den Versicherungsschutz (fast) unbezahlbar geworden ist. Um es deutlicher zu sagen: Der Akademiker von heute bekommt seine Berufsunfähigkeitsversicherung oftmals zum Spottpreis. Und die Krankenschwester, die Erzieherin, der Handwerker brauchen schon fast einen Zusatzjob, nur im die Beiträge ihrer Berufsunfähigkeitsversicherung aufbringen zu können. Haben dann alle erst einmal ihre BU und wechseln jemals die Jobs, bleibt es in der Regel dennoch bei der ursprünglichen Einstufung und der darauf beruhenden Beitragshöhe. Das kann – aus gesellschaftlicher Sicht – nur als extrem ‚ungerecht‘ und unsozial empfunden werden. Dabei gab es einmal Zeiten, als in der BU nur ein Unterschied gemacht wurde: Überwiegend körperlich tätig, oder nicht.

So schön niedrige Beiträge für die einen sind: Die Branche hat sich auf einen Preiskampf eingelassen, der nicht etwa zu Lasten des Wettbewerbs geht, sondern auf dem Rücken weiter Bevölkerungskreise ausgetragen wird. Diese können sich eine Absicherung kaum mehr leisten. Das ist inakzeptabel.

Wenn die BU der Zukunft für viel mehr Menschen erreichbar sein soll, muss sie für diese auch bezahlbar sein. Eine andere Verteilung der Beiträge ist ein Weg dahin. Und eine drastische Reduzierung, oder gar Abschaffung der Berufsgruppen das Mittel dazu.

Die BU der Zukunft: Sozialer.

Die BU der Zukunft sollte möglichst vielen eine Chance lassen, wenn sie gesellschaftlich anerkannt werden will.

 

Die BU der Zukunft: Anpassungsfähiger

Wir leben in Zeiten, in denen sich Änderungen immer schneller vollziehen. Das Arbeitsleben ändert sich, alte Berufe sterben aus, neue entstehen. Beschäftigungsverhältnisse ändern sich, Familienphasen müssen in das Berufsleben integriert werden, Firmen werden gegründet oder gehen pleite: Anpassungsfähigkeit und Flexibilität liegen hoch im Kurs. Wessen Arbeitskraft das größte Vermögen ist, der ist gut beraten, sie entsprechend abzusichern. Aber immer auf gleich hohem Niveau?

Wir brauchen flexiblere Vertragsformen, die sich stetem Wandel anpassen lassen:

  • Neben herkömmlichen Berufsunfähigkeitsrenten solche, die Berufsunfähigkeit (nur) temporär absichern, um lediglich die Phase einer beruflichen Neuorientierung zu begleiten und ansonsten nur bei Erwerbsunfähigkeit leisten. Motto: Hilfe zur Wandlung & purer Existenzschutz;
  • Vertragsmodelle, die dem Kunden die Wahl lassen, je nach Lebensphase und Einkommen zwischen ursprünglich abgeschlossener Hochleistungs-BU und Basisabsicherungs-EU hin und her zu switchen;
  • Verträge, die ermöglichen, eine einmal erreichte Absicherungshöhe auch reduzieren und anschließend wieder (ohne erneute Gesundheitsprüfung) auf den alten Stand erhöhen zu können;
  • Verträge, die es ermöglichen, auf neue, auf bessere Versicherungsbedingungen beim jeweiligen Versicherer umzustellen: Ohne erneute Gesundheitsprüfung (aber natürlich mit neuem Beitrag, vielleicht mit Wartezeiten…).

Und wir brauchen nicht bei je einem Versicherer eine dieser Flexibilitäten, sondern alle bei möglichst allen Anbietern. Natürlich muss man sich auch Gedanken darum machen, wie Missbrauch vermieden werden kann – und wie das zu kalkuieren ist. Aber wenn  die BU der Zukunft viele, viele Jahre Schutz bieten können soll, muss sie Schritt halten und daher anpassungsfähiger werden.

Die BU der Zukunft muss anpassungsfähiger werden.

Disketten aus den 1990er Jahren gibt es kaum noch. BU-Versicherungsbedingungen aus der Zeit schon. In einer BU der Zukunft sollten die Bedingungen anpassungsfähiger sein.

 

Die BU der Zukunft: Klarer

„Wann bin ich eigentlich berufsunfähig?“ Wer das mit einfachen Worten erklären will, stößt schnell an Grenzen. Denn so simpel kann die Antwort nicht ausfallen, will man nichts Falsches sagen. Nur wie soll Otto Normalverbraucher einer Absicherung vertrauen, deren Funktionsweise so komplex ist, wie die der jetzigen Berufsunfähigkeitsversicherungen?

Sicherlich ist die BU nun einmal ein kompliziertes Gebiet, ein tolles Thema für Juristen – und jeder Fall mag einzigartig gelagert sein. Aber wenn sich deutlich größere Teile der Bevölkerung auf diese absolut notwendige Absicherung verlassen können sollen, brauchen sie Vertrauen in deren Wirksamkeit. Dafür brauchen wir klarere, begreifbarere und damit leichter vermittelbare ‚Spielregeln‘ für die BU.

Beispiele für klarere Leistungsregelungen:

  • Zahlung der Berufsunfähigkeitsrente ab dem Zeitpunkt, ab dem die versicherte Person 6 Monate ununterbrochen arbeitsunfähig ist und so lange sie es bleibt;
  • Anerkennung der Berufsunfähigkeit für den Zeitraum, ab dem und solange die versicherte Person eine volle Erwerbsminderungsrente aus der gesetzlichen Rentenversicherung erhält;
  • Anerkennung der Berufsunfähigkeit für den Zeitraum, ab dem und solange die versicherte Person eine Berufsunfähigkeitsrente aus einem berufsständischen Versorgungswerk erhält;
  • Anerkennung der Berufsunfähigkeit ab dem Zeitraum, ab dem ein anderer privater Lebensversicherer die Berufsunfähigkeit der versicherten Person bereits auf Basis der gesetzlichen BU-Definition anerkannt hat;
  • Anerkennung der Berufsunfähigkeit der versicherten Person ab dem Zeitpunkt, ab dem eine binnen Jahresfrist tödlich verlaufende Krankheit diagnostiziert wird;
  • In allen anderen Situationen individuelle Prüfung auf Basis der gesetzlich / vertraglich vereinbarten BU-Definition.

Nein, es geht mir hier nicht um den konkreten Wortlaut einer Klausel. Sondern um Beispiele, wie sie sich in Bedingungen finden lassen sollten: Klar definiertes Ereignis -> klare Leistungszusage ohne Wenn und Aber. Das können Verbraucher verstehen und Vermittler vermitteln. Und, liebe Aktuare: Das könnt Ihr auch kalkulieren, oder?

 

Fazit BU der Zukunft:

Die private Berufsunfähigkeitsversicherung hat das Potential, einem Großteil der Bevölkerung existenziell notwendigen Versicherungsschutz zu bieten und damit ihre gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen. Das gesetzliche Sozialsystem schafft das derzeit nicht. In einem Land, in dem darüber diskutiert werden muss, ob 8,50 € die Stunde brutto mindestens verdient werden sollte, wird allerdings ein (offenbar wachsender) Teil der Bevölkerung nur durch gesamtgesellschaftliche Maßnahmen (Sozialhilfe) absicherbar sein.

  • Durch einen optionalen Tausch von Gesundheitsfragen bei Antragsstellung gegen Wartezeiten wird die BU der Zukunft für viele geöffnet, die sich jetzt (aus unterschiedlichen Gründen) gar nicht versichern. Vorvertragliche Anzeigepflichtverletzungen werden reduziert;
  • Durch eine weitestgehende Abschaffung der Berufsgruppen mit ihrem unterschiedlichen Beitragsniveau wird die BU der Zukunft für viele Sozial- und Handwerksberufe wieder bezahlbar und damit sozialer für alle;
  • Durch flexiblere Anpassungsmöglichkeiten folgt die BU der Zukunft dem Bedarf der Versicherten. So bleiben die Verträge bezahlbarer, die Bedingungen aktueller und die BU’s können wirklich lange halten;
  • Durch Definition nachvollziehbarer Ereignisse, die eine Zahlung der BU-Rente auslösen, wird die BU der Zukunft verständlicher, vertrauenswürdiger und klarer.

Ja, es ist ein weiter Weg. Und man muss prüfen, was in welcher Form und durch welche Maßnahmen realisiert werden kann.

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Kommentare zu diesem Beitrag

HDI Erwerbsunfähigkeitsversicherung EGO Basic  |   14. Juni 2014 um 17:57 Uhr

[…] bei der Berufsunfähigkeitsversicherung und potentiellen Lösungen, lesen Sie meinen Artikel Offener, sozialer, anpassungsfähiger, klarer: Die BU der Zukunft, wenn Sie […]

[…] in Qualität und Höhe der Absicherung, klarere Leistungsfallbeschreibung. Mein Beitrag: Offener, sozialer, anpassungsfähiger, klarer: Die BU der Zukunft. -> […]

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