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13
Apr
2012

Wohnfläche bei Versicherungen : Ein Quadratmeter ist nicht immer einer

Kategorie: Gebäudeversicherung, Verbraucherschutz  ·  Autor: Matthias Helberg  ·  3 Kommentare

Wohnfläche bei Versicherungen: Die Wohnfläche in der Gebäudeversicherung spielt eine entscheidende Rolle, um die Versicherungsprämie berechnen zu können. Sie ist auch ausschlaggebend für den Unterversicherungsverzicht, also dafür, dass man im Schadensfall den vollen Schaden und nicht nur einen Teil ersetzt bekommt. Egal, ob für die Versicherung ein Wert 1914 als Versicherungssumme ermittelt wird, oder die Versicherungssumme pauschal, oder gar nicht mehr berechnet wird: Sie oder Ihr Versicherungsvermittler benötigen die Wohnfläche des Gebäudes, um es richtig versichern zu können. Was ist aber, wenn Versicherer die Wohnfläche unterschiedlich berechnen? Wie soll man dann Gebäudeversicherungen zum Beispiel vergleichen?

 

Wie groß ist ein Quadratmeter überhaupt?

Nicht jeder kann Quadratmeter berechnen. So schwer ist das aber gar nicht: Wenn Sie eine Fläche haben, die 1 Meter lang und 1 Meter breit ist, dann ist die Größe dieser Fläche 1 Quadratmeter. Hat ein Raum, dessen Fläche Sie ausrechnen wollen, eine Länge von 4 Metern und eine Breite von 3,50 Metern, rechnen Sie 4 x 3,50 = 14 Quadratmeter (qm).

Für die Gebäudeversicherung, wie auch für die Hausratversicherung, spielt nicht pauschal die Fläche eines Hauses oder einer Wohnung eine Rolle, sondern es kommt auch auf die Nutzung an. Daher sprechen Versicherer von Wohnfläche, Nutzfläche, oder auch Gewerbefläche – alles in Quadratmeter angegeben.

 

Zur Wohnfläche bei Versicherungen gehören – ja, was eigentlich?

Was ein Versicherer zur Wohnfläche zählt und was nicht, entscheidet…? Der Versicherer selber. Sogenannte Wohnflächen-Definitionen finden Sie entweder im Antragsformular, im Formular für die Wertermittlung Wert 1914, oder irgendwo in den Versicherungsbedingungen, manchmal durchaus versteckt. Bekommen Sie nicht gesagt, wie die Wohnfläche zu ermitteln ist, stehen Sie (und der Vermittler) schon auf sehr dünnem Eis. So unterschiedlich können diese Wohnflächendefinitionen aussehen:

Beispiel 1: Die ‚alte‘ und landläufige Definition der Wohnfläche bei Versicherungen:

„Wohnfläche ist die Grundfläche einer Wohnung einschließlich Hobbyräume; ausgenommen sind dabei jedoch Treppen, Kellerräume und Speicherräume (soweit nicht zu Wohn- und Hobbyzwecken ausgebaut), Balkone, Loggien und Terrassen.“

Beispiel 2: Eine konkretere Definition der Wohnfläche bei Versicherungen:

„Die Wohnfläche ist dem Kaufvertrag oder den Bauunterlagen zu entnehmen, wobei die dort nicht enthaltenen, zu Wohnzwecken genutzten Flächen, zu berücksichtigen sind. Sind derartige Unterlagen nicht vorhanden, ist die Wohnfläche nach Maßgabe der folgenden Bestimmungen zu ermitteln:

Wohnfläche ist die Summe der Gesamtgrundflächen aller geschlossenen Räume (Innenmaß ohne Innenwände) des Hauptgebäudes und der Anbauten. In den Dachgeschossen spielen die Dachschrägen eine besondere Rolle: Bis zu einer Drempelhöhe von 80 cm werden 50% der Fläche zur Berechnung heran gezogen. Bis zu einer Drempelhöhe von 120 cm sind es dann 60% der Fläche, höher als 120 cm = 100%. Zur Wohnfläche zählen außerdem: Dielen/Flure, Saunen, Innenpools und Wintergärten. Nicht zur Wohnfläche zählen: Treppen, Balkone, Loggien, Terrassen, sowie Keller-, Speicher- und Bodenräume, die nicht zu Wohnzwecken ausgebaut sind. Die Nutzfläche ist die Summe der Gesamtgrundflächen aller geschlossenen Räume von Nebengebäuden und Anbauten, soweit sie nicht zu Wohnzwecken dienen.“

Beispiel 3: Eine im Ergebnis oft vollkommen andere Definition der Wohnfläche bei Versicherungen:

„Die Wohnfläche ist dem Kauf-/Mietvertrag oder den Bauunterlagen zu entnehmen, wobei alle zu Wohn-, Gewerbe- oder Hobbyzwecken ausgebauten Flächen zu berücksichtigen sind. Zur Wohnfläche zählen nicht Treppen, Balkone, Loggien, Terrassen, Garagen, Carports und sonstige nicht ausgebaute Räume . Kellerräume (auch Hanglage) sind grundsätzlich, unabhängig von der Nutzung, mit 20 Prozent der Grundfläche zu berechnen.  Sind derartige Unterlagen nicht vorhanden, ist die Wohnfläche nach Maßgabe der folgenden Bestimmungen zu ermitteln.

Die Wohnfläche ist die Summe der Gesamtgrundfläche aller Räume (Innenmaß ohne Innenwände, kein Abzug für Dachschrägen) des Hauses und der zu Wohn- bzw. Gewerbezwecken genutzten Nebengebäude. Zur Wohnfläche zählen auch Arbeitszimmer, gewerblich und beruflich genutzte Räume, Hobbyräume und Wintergärten.

Zur Wohnfläche zählen nicht Treppen, Balkone, Loggien, Terrassen, Garagen, Carports und sonstige nicht ausgebaute Räume. Kellerräume (auch Hanglage) sind grundsätzlich, unabhängig von der Nutzung, mit 20 % der Grundfläche zu berechnen.“

 

Wie wirkt sich die unterschiedliche Wohnflächen-Definition in der Gebäudeversicherung aus?

Kurz gesagt: Drastisch. Versicherer mit eher niedrigen Beitragssätzen bekommen durch eine Wohnflächen-Definition, die mehr Flächen berücksichtigt, eine größere Gesamtfläche und damit eine höhere Versicherungsprämie. Andererseits können andere Versicherer, deren Beitragssätze an sich eher durchschnittlich sind, bei einer geringeren Gesamtfläche auch niedrigere Versicherungsprämien ausweisen. Ein Beispiel zeigt das:

Mein Beispiel Wohnhaus steht (nicht ganz zufällig) in Osnabrück, PLZ 49078. Es handelt sich um ein Einfamilienhaus aus dem Jahr 2002, bestehend aus einem Keller, dem Erdgeschoss und einem ausgebauten Dachgeschoss. Dazu ziert 1 Garage das Grundstück. Die Bauart ist massiv, das Dach hart (was soviel heißt wie: Die Wände sind aus Steinen gemauert und das Dach ist mit Dachpfannen eingedeckt), also Bauartklasse BAK I, wie Fachleute sagen. Der für Technik- und Vorratsräume genutzte Keller hat eine Grundfläche von 100 qm, davon 15 qm für eine Waschküche. Im Erdgeschoss gibt es einen Flur mit 10 qm, ein Arbeitszimmer mit 15 qm und weitere zu Wohnzwecken ausgebaute Räume in einer Größe von 75 qm. Die Bauunterlagen weisen im ausgebauten Dachgeschoss eine Wohnfläche von 40 qm aus. Das Gebäude soll gegen Feuer-, Leitungswasser-, Sturm- / Hagel- und Elementarschäden versichert werden. Wichtig sind der Unterversicherungsverzicht und der Verzicht auf den Einwand grober Fahrlässigkeit bei der Verursachung eines Schadens. Ob der Versicherer an Hand der Angaben einen Wert 1914 errechnet, oder pauschal versichert, soll keine Rolle spielen. Wie könnten die Ergebnisse aussehen?

So:

Wohnfläche bei Versicherungen: Auswirkungen der unterschiedlichen Wohnflächendefinition in der Gebäudeversicherung

Wie man sieht, ergeben sich unterschiedlich zu berücksichtigende Wohnflächen zwischen 104 und 155 qm. Bei den Versicherern, die über einen Wert 1914 die Prämie berechnen, schwankt der Wert zwischen 18.520 Mark und 24.175 Mark. Nutzen Sie die Tabelle nur, um sich von den potentiellen Unterschieden zu überzeugen. Im Detail sind die Berechnungen meines Erachtens nicht immer korrekt – immerhin hat der Software-Hersteller, mit dem wir die Berechnung durchgeführt haben, das Problem erkannt und versucht, es zu lösen.  Sie können ja mal schauen, wie diverse Internetportale mit dem Thema umgehen…

Kommentare zu diesem Beitrag

Kaiser  |   11. Mai 2012 um 15:01 Uhr

Es ist nicht nur das Versicherungsgesellschaften sich im Schadenfall nicht an ihre Verträge erinnern können, so zum Beispiel wie die AXXA Versicherungs AG die den Neuwert mit den Normalherstellungskosten gleichsetzt, es werden auch allerhand Versuche unternommen um dem Antragsteller der Falschangabe zu bezichtigen. Deshalb den Wert eines Objektes von einem Makler oder einem Gutachter ermitteln lassen! Wenn die Versicherungsgesellschaft eigenmächtig Vertragsinhalte ändert, ist sie später auch allein dafür verantwortlich. Im Schadenfall nicht dem Druck eines angeblichen Sachverständigen der Versicherung nachgeben! In Ruhe den Schaden ermitteln und unbedingt mehrere Angebote einholen! Einem Prozess mit der Versicherungsgesellschaft nicht scheuen und immer daran denken: „niemals auch nur den Hauch einer Falschangabe!“ Denn Versicherungen dürfen vor Gericht ungestraft Unwahrheiten behaupten, Versicherungsnehmer verlieren dagegen jeglichen Anspruch auch bei geringfügigen und unverschuldeten inkorrekten Angaben!

Herbert Felkel  |   26. September 2016 um 08:01 Uhr

Sehr geehrter Herr Kollege,

super, Ihre Zeilen! Habe derzeit Probleme bei Schadenabwicklungen aufgrund dieser Berechnungen. Was kann ich Ihrer Meinung nach am besten tun?
Herbert Felkel
09936 443
0171 9076413

Matthias Helberg  |   26. September 2016 um 10:20 Uhr

Sehr geehrter Herr Felkel,

Vielen Dank für Ihe Nachricht.
Das Thema Gebäudeversicherung und die Risiken der Wertermittlung waren gerade Gegenstand einer Fortbildung unseres Berufsverbandes http://www.igvm.de .

Vielleicht macht es Sinn, sich auf dem Gebiet weiterzubilden?

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