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11
Nov
2015

2 Berufsunfähigkeitsversicherungen gleichzeitig: Ja oder nein?

Kategorie: Berufsunfähigkeitsversicherung, Verbraucherschutz  ·  Autor: Matthias Helberg  ·  3 Kommentare

Kann man 2 Berufsunfähigkeitsversicherungen gleichzeitig haben? Ist das empfehlenswert?

2 Berufsunfähigkeitsversicherungen? Grafikquelle: colourbox.comWährend sich manche Erwerbstätige darüber freuen würden, überhaupt eine vernünftige Berufsunfähigkeitsversicherung zu bekommen, stehen andere vor einer anderen Frage: Bei steigendem Bedarf zum bestehenden BU-Vertrag einen weiteren abschließen, also 2 Berufsunfähigkeitsversicherungen gleichzeitig haben, oder lieber nicht?

 

2 Berufsunfähigkeitsversicherungen und 1 Finanzcoach der WDR Servicezeit

Neulich gab es unter anderem zu dieser Fragestellung einen Bericht in der WDR Sendung Servicezeit. Zu sehen ist Frau Dr. Annabell Oelmann, Leiterin des Bereichs Verbraucherfinanzwissen bei der Verbraucherzentrale NRW und „Finanzcoach“ der WDR Servicezeit, wie sie ein Ehepaar Grothe (?) berät. Auf Youtube können Sie sich den Beitrag ansehen:

Nachtrag vom 20.10.16: Das Video ist leider nicht mehr zu sehen. Es war es unter https://www.youtube.com/watch?v=ZSEWInI1TRc .

 

Ab Minute 4:43 geht es um 2 Berufsunfähigkeitsversicherungen, die Herr Grothe abgeschlossen hatte. Frau Dr. Oelmann in der Beratung:

Das Schlechte ist wirklich: 2 Verträge. 2 Verträge können gewaltige Nachteile haben.

Als Begründung nennt Frau Dr. Oelmann, dass es sein könne, dass man aus dem einen Vertrag eine Leistung bekommt und aus dem anderen nicht. Im Leistungsfall sei Streit mit 2 Versicherern suboptimal. Ihre Empfehlung daher, beide Verträge „zusammen zu legen“.

Das Erwähnen & Kommentieren der anderen in diesem Beitrag geäußerten Aussagen würde den Rahmen eines Blogbeitrages sprengen, bleiben wir also bei dieser Aussage zum Thema zwei Berufsunfähigkeitsversicherungen.

Anzumerken sei, dass dem Zuschauer die Historie nicht erklärt wird, wodurch es zu den 2 BU’s kam. Einzig, dass die Summe der Berufsunfähigkeitsrenten aus beiden Verträgen zusammen „passt“, so der Beitrag.

 

Pauschalaussage – warum?

Es ist wie so oft im Leben: Alles hat Vor- und Nachteile. Das gilt auch für 2 Berufsunfähigkeitsversicherungen gleichzeitig.

Nachteile von 2 Berufsunfähigkeitsversicherungs-Verträgen:

  • Für den zweiten Vertrag ist im allgemeinen eine neue Gesundheits- und Risikoprüfung erforderlich;
  • Alles Doppelt: 2 Anträge, 2 Verträge, 2 verschiedene Versicherungsbedingungen, 2 Beitragszahlungen;
  • Bei Berufsunfähigkeit müssen 2 Leistungsanträge gestellt, zwei (unterschiedliche) Fragebögen beantwortet und mit 2 unterschiedlichen Ansprechpartnern verhandelt werden;
  • Wenn Sie berufsunfähig werden, kann es sein, dass der eine Versicherer die Berufsunfähigkeit anerkennt und der andere nicht.

 

Vorteile von 2 Berufsunfähigkeitsversicherungs-Verträgen:

  • Wenn Sie einen älteren Vertrag haben, sind die Fristen, innerhalb derer ein Versicherer den Vertrag wegen einer vorvertraglichen Anzeigepflichtverletzung kündigen, ändern, von ihm zurücktreten, oder ihn anfechten kann, vielleicht schon um. Der alte Vertrag ist damit für Sie als Kunden „sicher“. Ein zweiter ergänzender Vertrag kann besser sein, als den alten, „sicheren“ Vertrag aufzugeben;
  • Wenn sich aus Sicht der Versicherer Ihr Risiko aus der beruflichen Tätigkeit, ausgeübten Sportarten und Ihrer Gesundheitshistorie seit dem ersten Vertrag verschlechtert hat, bekommen Sie zusätzlichen Versicherungsschutz vielleicht nur noch eingeschränkt, oder zu vergleichsweise deutlich höheren Beiträgen: Es kann günstiger sein, die noch fehlende BU-Rente als Differenz in einem neuen Vertrag abzusichern, als alles neu zu schlechteren Konditionen abzuschließen;
  • Wenn der bestehende BU-Vertrag (wie im WDR-Beitrag) zu früh endet, zum Beispiel mit 60 Jahren, kann für manche Leute wegen des höheren Eintrittsalters die einzig bezahlbare Alternative ein zweiter Vertrag sein, der bis 67 läuft. In den letzten Jahren einer Berufsunfähigkeit muss man dann wenigstens nicht komplett seinen Lebensunterhalt aus Erspartem finanzieren. Wird der zweite Vertrag stark dynamisiert, kann die Versorgungslücke der letzten Jahre weiter reduziert werden;
  • Falls Sie gesundheitlich bereits eingeschränkt sind und auf normalem Weg keinen vernünftigen BU-Schutz bekommen, können die BU-Aktionen mancher Versicherer mit vereinfachter Gesundheitsprüfung die Lösung sein. Nur sind die maximal absicherbaren BU-Renten stark limitiert. Es kann gut sein, dass Sie dann zwei oder mehr BU-Aktionen und damit mehrere Verträge benötigen, um auf eine ausreichend hohe Versorgung zu kommen;
  • Berufsunfähigkeitsversicherungen sind Verträge, die oft über 30 bis 40 Jahre laufen sollen: Wer weiß schon, wie ein heute gut dastehender Versicherer in 20 Jahren aussieht? Wer bei seiner vermutlich wichtigsten Absicherung alles auf das falsche Pferd gesetzt hat, hat weniger Chancen als jemand, der das Risiko verteilt hat;
  • Einige Marktteilnehmer argumentieren, ein Versicherer werde eine „kleine“ BU-Rente vermutlich leichter anerkennen, als eine hohe. Allein deshalb mache es Sinn, die BU-Rente aufzuteilen. Ob sich diese Einschätzung durch Fakten untermauern lässt, vermag ich allerdings nicht zu sagen;
  • Dass im Fall einer eintretenden Berufsunfähigkeit der eine Versicherer vielleicht zahlt und ein anderer nicht, kann sich natürlich mindestens genauso als Vorteil wie als Nachteil entpuppen: Es reduziert nämlich nicht die Chance auf eine Leistung, sondern kann sie ja auch erhöhen. Eine Leistungsablehnung des einzigen Versicherers ist noch immer schlechter, als die Leistungsanerkennung eines anderen Versicherers für einen Teil der BU-Rente, oder?

 

Kurz noch zum Lösungsansatz der Nutzung der Nachversicherungsgarantie:

Frau Dr. Oelmann empfiehlt Herrn Grothe in dem Beitrag, die Nachversicherungsgarantie des ersten Vertrages zu nutzen. So solle die BU-Rentenhöhe des zweiten Vertrages abgesichert werden und dadurch beide Verträge „zusammengelegt“ werden. Dazu sollte man wissen: Nicht jeder bestehende BU-Vertrag beinhaltet überhaupt eine nutzbare Nachversicherungsgarantie. Und falls doch, kann sie so gestaltet sein, dass für die Nachversicherung ebenfalls ein neuer, also ein zweiter BU-Vertrag zu neuen Bedingungen geschlossen werden muss: Mit den gleichen Nachteilen, wie oben genannt – auch wenn es dann eben zwei Verträge beim gleichen Versicherer sind.

 

Fazit zu zwei Berufsunfähigkeitsversicherungen

Einer pauschale Aussage, wie im WDR-Bericht von Frau Dr. Oelmann getroffen, 2 Berufsunfähigkeitsversicherungen seien schlecht, muss aus fachlicher Sicht des Praktikers deutlich widersprochen werden.

Bei unseren Kunden hatten wir bereits Berufsunfähigkeitsfälle mit mehreren Versicherern gleichzeitig. Diese waren zwar mit Mehraufwand verbunden, aber ohne zusätzliche Probleme.

Wer seine bestehende Berufsunfähigkeitsabsicherung verbessern will, sollte vier Möglichkeiten überprüfen (lassen):

  1. Erhöhung durch Nutzung einer eventuellen Nachversicherungsgarantie im bestehenden Vertrag;
  2. Erhöhung in Form einer zweiten Berufsunfähigkeitsversicherung;
  3. Verlängerung des Versicherungsschutzes durch eine Anschluss-BU an den bestehenden Vertrag;
  4. Abschluss einer neuen Berufsunfähigkeitsversicherung in der gewünschten Ausgestaltung als Ersatz des bestehenden Vertrages.

Statt leichtsinnig pauschale Aussagen zu treffen, sollten Vor- und Nachteile der verschiedenen Lösungswege im jeweiligen Einzelfall bewertet und abgewogen werden.

 

Nachtrag vom 12.11.2015:

Sanktionen für Falschberatung und die Meinung von Fachleuten, die auf die Unterstüzung von Verbrauchern im BU-Leistungsfall spezialisiert sind

Das passt klasse zum Thema der 2 BU’s und dem Rat der Verbraucherzentrale NRW-Mitarbeiterin bei „Servicezeit“ im WDR: Gerhard Schick von Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion fordert Sanktionen bei Falschberatung. Nur: Wer entscheidet eigentlich, was falsch und was richtig ist? Gerhard Schick beschreibt es auf twitter so:

 

Bei der Verbraucherzentrale NRW argumentiert man auf twitter so:

 

Weil das Ganze eine interessante Diskussion ist, habe ich auf die Bearbeitung von BU-Leistungsfällen spezialisierte und nur im Kundenauftrag tätige Fachleute um ihre Meinung zu dem Thema gebeten:

Versicherungsberaterin Angela Baumeister schreibt dazu in einem eigenen Blogbeitrag mit dem Titel BU-Risiko aufteilen von heute:

„Es kann sehr gute Gründe dafür geben, das Risiko auf mehrere Versicherer aufzuteilen. Dies hat Herr Helberg wunderbar ausgeführt und dem ist nichts hinzuzufügen. Im Leistungsfall ist es jedoch eher nachteilig, wenn man mit mehreren Versicherern zu tun hat.“

 

Stephan Kaiser von der BU-Expertenservice GmbH schreibt auf Facebook:

Ich habe mir den Blog-Beitrag gerade aufmerksam durchgelesen; Fazit: sehr guter Abriss der Materie, der Artikel findet meine volle Zustimmung. Im Leistungsfall ist es in der Tat ein zweischneidiges Schwert, mehrere BU-Verträge zu haben. Es erhöht sich natürlich der Aufwand je mehr VR mit im Boot sitzen und bedient werden müssen. Aber: aus kartellrechtlichen Vorgaben heraus muss jeder VR seine eigene, unabhängige Entscheidung treffen. Daher kann es natürlich passieren, dass die Pfefferminzia annimmt und die Zitronia ablehnt. Hätte ich lediglich einen Vertrag gehabt, dann wäre die Pfefferminzia der Königsweg gewesen, hätte ich ihn bei der Zitronia gehabt, würde ich nun mit dem Ofenrohr ins Gebirge schauen. Das Ergebnis ist eben nicht vorhersehbar. Daher macht das Umdecken bestehender Verträge in einen Vertrag keinen Sinn. Wenn man dann noch bedenkt, dass die erwähnten Fristen wieder von Neuem zu laufen beginnen, ist der Rat umzudecken ein eher schlechter und nicht verbraucherfreundlich.

 

Nachtrag vom 16.11.2015: Antwort des WDR

Heute hat auch der WDR auf meinen Hinweis reagiert, via Twitter:

 

 

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2 Berufsunfähigkeitsversicherungen

 

Kommentare zu diesem Beitrag

Erwin Hausen  |   15. November 2015 um 10:41 Uhr

Bei der Fragestellung ‚2 BUs‘ sollte deutlich unterschieden werden, ob es sich um die Vermittlung zweier Verträge oder um den Umgang mit zwei vorhandenen Verträge geht. Während die VZ NRW auf eine gegeben Situation stößt und dort einen Ratschlag erteilt (der in der im TV dargestellten Pauschalität höchst bedenklich und für mich das Gegenteil von Verbraucherschutz ist), verstehe ich die Antwort von MdB Gerhard Schick so, dass er hier die (Falsch-)Beratung bei einer möglichen Neuvermittlung von Verträgen meint. Da kann ich die Äußerung von Schick gut nachvollziehen, wenn ein Vermittler einem Kunden zeitnah zwei verschiedene BUs vermittelt. Das passt auch m. E. zur Argumentation von BU-Experte Matthias Helberg, der auf zahlreiche unterschiedliche Situationen verweist, die einer individuellen Lösung bedürfen. Eben einer bedarfsgerechten Beratung und Vermittlung, zu der ein Versicherungsmakler gesetzlich im Sinne des Verbraucherschutzes verpflichtet ist – und eben nicht zu pauschalen Ratschlägen, wie es der TV-Bericht bei der VZNRW spiegelt.
Erwin Hausen, Chefredakteur ‚versicherungstip‘

Matthias Helberg  |   15. November 2015 um 11:47 Uhr

Schönen Dank für Ihren Kommentar, Herr Hausen!

A. Roth  |   19. November 2015 um 21:23 Uhr

Auf die Idee, zwei Berufsunfähigkeitsversicherungen oder generell zwei Unfallversicherungen abzuschliessen, bin ich noch nicht gekommen! Allerdings muss ich ehrlich sein, dass mich die Vorteile persönlich nicht überzeugen, aber natürlich können für jemanden anderen genau diese ausschlaggebend sein.

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