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15
Jan
2012

Wider die Verniedlichung des Versicherungsgedanken

Kategorie: Gesellschaftliches, Verbraucherschutz  ·  Autor: Matthias Helberg  ·  1 Kommentar

Waren die Menschen vor ein paar hundert Jahren schlauer, als heute? Schon mindestens seit dem 18. Jahrhundert gibt es Versicherungsgesellschaften in Europa. Noch viel früher entstand selbst organisierter Versicherungsschutz im Rahmen von Zünften und Gilden. Was waren das damals für Versicherungen? Sterbegeldversicherungen, Feuerversicherungen, Seetransportversicherungen.
Anstatt dass jeder allein seinem Schicksaal gegenüber stand und die finanziellen Folgen von Unglücken allein schultern musste, zahlten viele Gleichgesinnte eine vergleichsweise geringe Versicherungsprämie in einen gemeinsamen ‚Topf’, um dem zu helfen, den es ‚erwischte’. Der Versicherungsgedanke war geboren. Eine absolut gute und damals sicherlich revolutionäre Idee.

Der ursprüngliche Versicherungsgedanke

Es wurden solche Unglücke abgesichert, die mit den größten finanziellen Folgen verbunden waren: Früher Tod des Ernährers und Verlust des Hab und Guts durch Feuer oder Havarie. Alles andere an Unglücken musste individuell ertragen und deren Folgen selbst geschultert werden.

Sicherlich: Das Leben der Menschen in Europa hat sich seitdem stark geändert und wandelt sich sogar immer schneller. Und damit einhergehend auch unser Sicherheitsgefühl. Noch immer stellen gleichwohl das Leben von Personen und der Verlust von Hab und Gut die größten finanziellen Risiken dar und stehen damit auf der Prioritätenliste beim ‚richtigen Versichern’ ganz oben. Hinzu gekommen sind neue Bereiche wie die Haftung für anderen entstandene Schäden (Haftpflichtversicherung), oder gegen die Folgen von Naturgefahren (Sturm-, Elementarversicherung), für das Vermögen, durch eigene Arbeitskraft seinen Lebensunterhalt erwirtschaften zu können (Berufsunfähigkeitsversicherung) und in den letzten Jahrzehnten – was vielen noch nicht ausreichend bewusst ist: Ein Leben, das länger währt, als das dafür vorgesehene Geld reicht.

Es gibt also mehr als genug richtige und wichtige Versicherungssparten, die existenzbedrohende Unglücke absichern und so die Versicherten vor dem finanziellen Ruin schützen können.

Die Verniedlichung des Versicherungsgedanken

Was machen nun manche Deutsche Versicherungsgesellschaften auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern? Sie bringen Versicherungen für Brillen, Handys und Laptops auf den Markt, bieten „Versicherungsschutz“ gegen Wespennester, verstopfte Küchenrohre und steckengelassene Wohnungstürschlüssel. Manche Versicherungsgesellschaft nutzt gar SocialMedia-Aktivitäten wie facebook oder twitter, um Tipps für die richtige Versicherung zu Weihnachten („geklauter Weihnachtsbaum“), zu Sylvester oder gar zu Karneval („von Kamellen getroffen“) zu geben. Oder sie berichten über Versicherungsschutz beim Absturz von Weltraumschrott. Egal, wie gut derartiges gemeint sein mag: Es dient in meinen Augen in erster Linie der Verniedlichung des Versicherungsgedanken.

Aus der höchst sinnvollen Absicherung existenzbedrohender Risiken wird Geldvernichtung bei den Kunden und eine Desorientierung für deren Gespür, wichtiges von unwichtigem zu trennen.  Das müsste, meine ich, nicht sein.

Lesen Sie auch: Welche Versicherung braucht man wirklich?

Kommentare zu diesem Beitrag

Hans@VersicherungsKarrieren  |   5. Februar 2013 um 10:22 Uhr

Schöner Artikel über den Sinn und Unsinn von Versicherungen.

Wir müssen uns daran gewöhnen, dass nicht „Versicherungen“ verkauft werden, sondern Geschichten und Stories. Dabei hilft den Verkäufern …äh, Versicherern unsere absolut verzerrte Risiko-Wahrnehmung.

Beispiele? Schweinegrippe vs Wintergrippe. Raucher, die beim Chinesen über Glutamat schimpfen, Besorgte Mütter, die mit dem sicheren Geländewagen zum Bio-Markt fahren…

In der Berufsschule habe ich mal gelernt, dass man sich gegen Dinge versichert, die einen „Kopf und Kragen“ kosten können. Das Bild kann man sich auch als Kunde gut merken.

Etwas vernünftiger ausgedrückt: Man versichert sich gegen Dinge, die jeden treffen können, aber nur selten vorkommen.

Versicherungen für Handys, Fahrräder und Brillen sind verkappte Sparverträge mit einer schlechten Verzinsung.

Aber solange Menschen den Verlust ihres 500-Euro-Handys höher schätzen, als den Verlust Ihres Einkommens nach einer Krankheit (25 Jahre mal 50T Euro = 1,25 Mio), finden diese Sparverträge Käufer.

– Hans Steup, Berlin

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